Donnerstag, 31. Dezember 2020

Sturm ohne Sturm - Weitsicht ohne Rückblick



Nachdem ich in den letzten Tagen so viele Jahresrückblicke gelesen habe, die das letzte Jahr in Würde und Dankbarkeit verabschieden, traue ich mich fast gar nicht meinen Senf auch noch dazu zu geben.  Wir alle haben wohl vom Jahr 2020 etwas gänzlich anderes erwartet - soviel steht fest. Der Auftakt in die goldenen Zwanziger sollte es sein. Der Beginn eines neuen goldenen Jahrzehnts. 

Pustekuchen. Aus die Maus und zack war das Jahr 2020 weder golden noch fein, sondern rund heraus anstrengend. 

Ich will hier jetzt auch keine Aufzählung der Dinge schreiben, die dieses Jahr anstrengend und mehr als nervenaufreibend waren. 

Am schrecklichsten so viel sei gesagt, war und ist die Schließung der Insel. Keine Menschen und die wenigen zu wenig um das wir so miteinander leben können. Das System hier, so ausgerichtet seit Jahrzehnten, dass wir alle zu 100 Prozent vom Tourismus leben. 

Wir sind das leise Disneyland des Nordens und es macht mehr als Angst. Da kannst du den schönsten Beruf der Welt haben, wenn du aber  plötzlich am abgeschiedensten Ort der Welt wohnst dann ist das ganz egal.  

Trotzdem haben ich es nicht bereut, den Umzug nach Langeoog. Zu keiner Zeit. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt die Angst in Schach zu halten. 

Der Sommer war dann Urlaub für so viele Menschen. So viele Gäste... Kaltstart.  Gäste und liebe Worte aber auch Stress und Angst.  Es ist nunmal so, Menschen brauchen Menschen. 

Ich habe mich über jedes Gespräch gefreut. Bin über jeden Auftrag so glücklich und dankbar gewesen (ok einen habe ich abgelehnt aus Gründen!!! und das hat mir meine erste und einzige negative Google Bewertung ever gebracht... darauf bin ich fast stolz.) 

Valentin, mein Sohn hat den Sommer hier auf Langeoog verbracht. Freunde waren hier... Es war fast normal. Ich habe bis heute jedes Mal meine Maske im Supermarkt vergessen und musste zurück eine holen. Auch eine Art von Coronanormalität. 

Die Saison ging vorbei, kostete Kraft und irgendwie waren alle Worte verbraucht. Oktober - und das ist dann hier immer die Zeit für neue Projekte. 

Nächstes Jahr läuft mein Pachtvertrag in der Goldschmiede aus. Ich habe zwar damals den Laden, den alten Namen, und vor allem den Lebenstraum gekauft aber der Laden ist eine Pachtimmobilie. 

Es stand schon länger als Idee im Raum, Backstube und Goldschmiede an einem Ort zu vereinen. Kaffee, Kuchen und Schmuck, Brot und Gold.  Wir wollten warten, bis es sich gut und richtig und sicher anfühlt.  Das große Ganze sozusagen. In die gleiche Richtung blicken.  Hab ich schon mal versucht und ist furchtbar schief gegangen. 

Ich war vorsichtig, doch nun ist der Zeitpunkt gekommen.  Es fühlt sich richtig an.  Damals schieb ich ich bin gekommen um zu bleiben. Heute würde ich direkt Wir schreiben. 

Sensible Feinheiten. Gut durchdachte Fäden die sich zu einem neuen roten Faden und einem festen Tau zusammenspinnen. Zusammenzuwohnen ist das Eine, zusammen arbeiten das Andere.  Wir bauen um, gemeinsam... das Atelier für Brot und Gold wird ein Zuhause. Die Backstube am Schniederdamm wird um ein Goldschmiedeatelier reicher und die Goldschmiede um einen Ort an dem es nach frischem Brot duftet und nach Kaffee. An dem es Platz hat für Frühstücksgäste sowie Brautpaare, Kinder, Neugierige, und gute Menschen.  

Nicht allein sein als Selbstständiger mit Fragen, Sorgen und Entscheidungen. Auch wenn ich mich für einen kreativen und motivierten und nicht müde werdenden Menschen halte so gibt es millionen Dinge als Selbständiger, die bringen mich organisatorisch um den Verstand. 

Schon allein das ist eine gute Entscheidung die weit über das Jahr 2020 hinausreicht. 

Aus diesem Jahr mit so einem Ausblick zu gehen fühlt sich also besser an als sich im Rückblick zu verlieren. 

Ein Ausblick fühlt sich für mich viel formbarer und schöner an. Zuversicht voraus!  Mut voran und dem Glück die Hand reichen. Und damit meine ich wie schon oft geschrieben und immerwieder gepredigt das kleine Glück sowie das Große. 

Macht Pläne, tanzt zum Frühstück ganz egal ob dem Nachbarn die Musik zu laut ist. Freut euch auf den Frühling und darauf das wir bald wieder kurz Hosen und Röcke tragen können. Ach tragt einfach auch jetzt kurze Röcke, ok vielleicht mit ner Strumpfhose drunter aber egal.  

Tut im kleinen was euch gut tut. Damit meine ich nicht das wir Oma, Opa, zehn Freunde und die Nichte vom Patenonkel zu uns nachhause einladen sollen.  Ich meine auch nicht das Zuversicht Rücksichtslos sein soll, sondern lebensfroh und mutig. 

2021 hat es verdient das wir es mögen. Trotz Corona oder gerade wegen.  Ich möchte zuversichtlich sein. und mit diesem Zitat von Rilke wünsche ich euch das Allerbeste. 

Bleibt gesund und munter war noch nie so ehrlich gemeint.  

Alles Liebe Martina 


"Wenn die Sehnsucht größer als die Angst ist, wird Mut geboren. Ohne Sehnsucht machen wir uns nicht auf den Weg." --Rilke--

Sonntag, 4. Oktober 2020

Komfortzone


Wenn ein neues Jahr anfängt dann wohnt diesem der Zauber der Reinheit und des Neubeginns inne. Irre schön so ein frisches Jahr, noch unberührt. Ich denke jedes Silvester, wahrscheinlich der Tatsache geschuldet das ich ein grundpositiver Mensch bin..." Das wird sicher ein wunderschönes Jahr". So auch 2020. Der Start in die goldenen zwanziger dieses Jahrhunderts.  Der Neujahrstag und alle Gedanken dazu kommen mir heute wie vergangene Lichtjahre vor. 

2020 hat schon echt rein geknallt so in unser aller Leben.  Mittlerweile haben wir es dann wohl alle verstanden das es keinem schadet vorsichtig miteinander umzugehen und ja auch eine kleine Bahn Stoff vor dem Gesicht zu tragen. 

Was uns dagegen schadet ist die Angst die immer öfter vor dem Hirn hergaloppiert. Die Angst die so schnell zu Wut wird. 

Mit Angst kenne ich mich aus. Auch wenn man auf den ersten Blick denken könnte das ich völlig angstfrei durchs Leben gehe so weiß ich ganz genau wovon ich schreibe.

Angst vor Versagen, Angst nicht anerkannt zu werden, Angst vor zu hohem Risiko, Angst vor Fröschen und Angst davor das man nicht alles gut g

enug macht um es vor sich selbst zu rechtfertigen und nicht zuletzt immer und immer wieder Angst andere zu enttäuschen. Jeder von uns hat so seine eigenen Lieblingsängste. 

Uns allen gemeinsam, ist wohl die Angst vor dem großen Unbekannten. Nicht umsonst versucht die Wissenschaft bis in kleinste zu ergründen worin dieses Pudels Kern liegt. 

Ich selber habe zwar keine Angst vor Veränderung aber auch ich verlasse meine Komfortzone auch oft nur wiederwillig und nur wenn ich überzeugt bin das es  wirklich besser wird. 

Und  genau da haben wir nun den Salat 2020.  Was bitte soll besser werden durch einen Virus der nicht nur unser Leben sondern auch unser Zusammenleben bedroht. Warum kann mich ein so unsichtbares kleines Ding dazu bringen meine Komfortzone zu verlassen? Mit welchem Recht? Wer hat dem das gesagt...  Was genau kommt dann? Alles vage und unsicher. Genau uns er aller Ding. NICHT.

Richtig großer Mist.

Ja es fühlt sich an wie eine Partie Schlittschuh fahren auf offener See und glaubt mir Schlittschuh fahren kann ich nicht und wollte es auch bisher nicht lernen. 

Doch als ich schon dachte es kann jetzt nicht weniger Komfortzone sein da habe ich in all dem Chaos in meinem Meer einen kleinen Eisbrecher entdeckt. Viele Eisbrecher um ganz genau zu sein. Worte, Briefe, Anrufe,  Worte kleine und große von Euch an mich und andersherum.  Nicht leer und leicht sondern liebevoll und gehaltvoll.  Eisbrecher die gleichmal einen Tee mit im Gepäck haben um sich so richtig aufzuwärmen. 

So viele liebe Worte von Euch während des Lock Downs und auch danach. So viele wundervolle Begegnungen so unterschiedlich und ohne sich in echt zu begegnen.  Worte sind kraftvolle Eisbrecher. Das ist mir so wertvoll bewusst geworden. 

Ich habe lang nichts geschrieben hier. Es gab eine Zeit da bin ich in diesem Blog relativ inflationär mit Worten umgegangen. Selbst in Zeiten in denen nicht alles Rosa Brille war, habe ich doch lieber schöne Worte gesucht. Das war sicher nicht immer richtig, zum Schluss hat es mir am meisten geschadet und ich bin verstummt. 

Doch dieses Jahr hat mir beigebracht, dass es ganz sicher nicht richtig ist einfach stumm daneben zu stehen.  Es ist richtig und mehr als wichtig zu sagen wie gut und großartig Menschen sind. Ich sage es denen die mir ganz ganz nahe sind persönlich, am Telefon, per Brief oder per Nachricht und denen die ich nur auf diesem Weg erreichen kann sage ich es hier. 

 Ja ja ja ... Menschen können scheiße sein aber ja auch gut. Sie können sich unter Masken anlächeln und flüchtige Begegnungen können dem anderen d

en Tag schöner machen.  Eine Danke oder ein "Du machst das sehr gut" kann einen Tag schöner machen.  Und das Beste daran. Wir Menschen können uns dafür entschieden.  Wir können uns entscheiden auch in beschissenen Zeiten füreinander da zu sein und sei es nur durch ein kleines gutes Wort. 

Ich möchte mehr Danke sagen und mehr "ist schon gut" und mehr "du bist wunderbar". Ich möchte Liebesbriefe schreiben.  

So viele Worte für euch, an euch.  So viele Worte für danke, Schön das es auch gibt.  Schön das es die gibt die ganz ganz nah an meinem Leben sind und mit wenigen Worten verstehen ob die See zugefroren ist der nicht . Danke fürs pro forma schon mal zur Rettungsmission aufbrechen mit Tee im Gepäck. 

Danke auch an all die, die das machen, was wir Menschen eben auch gut können. Freundlich sein, einfach so und weil es gut tut.  Schön das es Euch gibt, das ihr euch der Kraft der Zuneigung bewusst seid auch wenn man sich nicht oder nur virtuell kennt. Ein nettes Wort im Internet der im Supermarkt auf 1,5 Länge gedehnt.  Es tut gut, so oder so. 

Gemeinsam rocken wir das mit der Komfortzone schon. Da bin ich ganz sicher.

Alles Liebe Martina 

  

Mittwoch, 6. November 2019

Welches Glück ist nun das was einen glücklich macht?

Vor viele Jahren hat mir eine Bekannte mal eine Feder geschenkt und gemeint ich solle auf sie aufpassen. Sie war das Symbol für Leichtigkeit , diese Feder auf einer flachen Schale. Viele viele Jahre stand diese Schale auf dem Fensterbrett im Büro meiner Goldschmiede in Ludwigsburg.
Niemals durfte etwas darauf liegen oder die Feder beschweren, das Fenster nur gekippt und nicht ganz geöffnet weil sie sonst wegfliegen könnte. Ich habe diese Leichtigkeit wie mein Leben behütet.

Heute kann ich mich nicht erinnern wohin sie gekommen ist. Die Feder und eine ganze Zeit auch die Leichtigkeit. Mit dem Umzug war sie plötzlich verschwunden und bis heute weiß ich nicht so recht was damit passiert ist. Glücklos, Leichtigkeitslos, unerklärlich und unwiderruflich verloren dachte ich.

Nach einer langen Saison, in der man als Inselbewohner nicht so oft an den Strand kommt wie mache denken, nehme ich mir nun die Freiheit genau das zu tun was sich gut anfühlt für mich.  Ich arbeite in der Goldschmiede und danach mache ich einen Spaziergang am Stand.
Hier begegnen mir so viele Federn. So viel Leichtigkeit. Soviel Glück das zum greifen nah bereit liegt. Ich muss mich nur bücken und doch reicht es mir zu wissen das sie da sind. Der Strand ist meine  Schale von früher, ein Hort meine sichtbaren Leichtigkeit.

Auf diesen Spaziergängen kommt mit jeder Welle die Kraft, Kreativität und Liebe zu mir selbst zurück. All diese Dinge die man oberflächlich gesehen als Leichtigkeit im Leben wahrnimmt. Ich bedenke jede Feder die mir begegnet mit einem Lächeln und einem Gedanken und sehe voller Dankbarkeit hin.  Auf das Meer, auf das Leben auf mein Zuhause.

Noch nie war ich irgendwo mehr zuhause wie hier am Meer.
Ich habe wirklich so gern in Ludwigsburg gelebt und ja ich habe auch etwas schwäbisches hier nach Ostfriesland gebracht.  Käsespätzle zum Beispiel...
und doch Danke danke danke ich bin Zuhause... endlich.

Seit sich das für mich so echt und ganz ganz innen anfühlt ist es ruhiger geworden. Ich schreibe hier weniger. Es ist ok Gefühle und Gedanken nicht sofort teilen zu müssen. Es ist richtiger den je es nur dann zu tun wenn ich Lust darauf habe und nicht weil ich denke das es mich zugehöriger zu irgendetwas, irgendwem macht.
Früher war das tatsächlich manchmal so... aus heutiger Sicht irgendwie schräg damals aber auch eine Realität in der ich mich wiedererkannt habe.

Mein Leben ist seit ich hier bin sicher viel unspannender, ruhiger und sehr viel mehr ich als es das jemals war. Die Goldschmiede ist ein so sehr von mir geliebter Ort. Ich freu mich jeden Tag.

Die vielen schweren Entscheidungen die ich getroffen habe, die mich fast um den Verstand gebracht haben und an den Rande meiner Selbst sind nicht vergessen aber ich habe mich aufgemacht um das Gute das das Leben mir bietet zu ergreifen und zu behüten.

So stehe ich nun hier, lasse mich tragen von den Gezeiten und den Strukturen die diese Insel mit sich bringt. Arbeite an wunderschönen Dingen, lese, fühle und bin sehr glücklich wie es ist.
Ich habe aufgehört mich ständig zu hinterfragen oder andere nicht zu hinterfragen. Der Wind macht den Kopf frei sagt man und ja Wind haben wir hier genug.


Ich wünsche euch das ihr das Glück das in euch liegt seht, das ihr es als das begreift was es ist.  Ein Teil von euch das in euch ist, zu jeder Zeit. Ja auch in denen die garnicht nach Glück aussehen. Es ist immer da. Und damit meine ich nicht dieses irre Grinseglück bei dem einen alle für verrückt und abgedreht halten. Sondern das Glück das einen ruhig und zuversichtlich macht. Das Glück das einen sich selbst wahrnehmen lässt.

Ich sende euch Grüße vom Meer
Alles Liebe Martina






 

Freitag, 29. März 2019

Das kleine Stück vom Glück beginnt in mir.

Obwohl das Leben hier im Winter nicht aufhört, kehrt es die Tage  geballt mit voller Schönheit zurück. Der Frühling auf Langeoog ist erfüllt von den Möwen, die die noch kalte Luft mit ihren Schreien zerschneiden und dem Staunen über die Enten, die nun wieder vor der Tür der Backstube auf die besten Körner warten. Wo überwintern Enten und wieso sind Möwen im Winter still?
Der Klang des Meeres war für mich früher untrennbar mit dem Geschrei  eben dieser Möwen verbunden.
Ich habe hier erst gelernt das es still sein kann am Meer. Sehr leise und ruhig trotz oder gerade wegen dem rauschen des Meeres.
 Dann wird es Zeit das es auch in einem selber still werden darf. So sehr wie ich diese Zeit ersehnt und gebraucht habe, so sehr freue ich mich auch, über das Surren und Flirren das der baldige Frühling mit sich bringt.
Hier im Dorf wird fleißig geputzt, gestrichen und geschraubt. Langeoog erwacht aus einem Dornröschenschlaf und zieht sein schönstes Frühlingsgewand an.
Das Meer ist dieser Tage ruhig. Mit der Gleichmut und der Weisheit um das Wissen der Welt spült Welle um Welle an den Strand, nimmt träge Gedanken mit sich. Ich genieße dieses Ewig gleiche in zwischen all dem Geschäftigen und Neubeginnen dem hier sehr.
Trage auch ich jeden Tag ein kleinen Neubeginn in mir der an meiner Werkbank zu Schmuck wird.
Die Poesie dieses Ortes war schon immer Teil meiner Selbst und meines Schmuckes und wird es dieser Tage noch immer mehr.
Ich freue mich über das kleine Glück, den Austerfischer der täglich auf dem Dach gegenüber lauthals den Frühling oder seine Angebetete oder beide begrüßt. Die Knospen am Sanddorn vor der Haustür.
Ich halte  einen Aquamarin in der Hand und mit einem Herz voller Liebe zu kleinem Dingen mache ich eine Ring daraus. Einen und nicht zehn. Nur den, der wirklich zum Aquamarin passt und keine zehn die noch ok wären.
Das habe ich hier auf Langeoog gelernt und tue es jeden Tag. Das Glück liegt im Kleinen, liegt in einem selber und niemals in einer Großartigkeit oder gar in einem anderen Menschen.
Das alles kommt dann, so merkwürdig sich das anhört als Bonus obendrauf wenn man es zulässt, dieses kleine unscheinbare Glück in einem selber.
Dann wird auch aus dem kleinen Glück in Summe ein Großes.

Ich sende euch ruhig surrende unbeirrbare Meergrüße und hoffe wir sehen und einmal an diesem wundervollen Ort für dessen Schönheit es eigentlich keine Worte gibt.
Passt auf euch auf.

Alles Liebe Martina














Sonntag, 9. Dezember 2018

Das erste Mal...

Heute morgen habe ich meinen Facebook Account geöffnet und mir ist eine Erinnerung angezeigt worden. "Sicher erinnerst du dich gern an dieses Bild vor zwei Jahren."
Zu sehen war ein Esstisch, Kerzen, ein Tannenbäumchen in einem Topf auf dem Tisch.
Ich kann mich noch genau erinnern, wann ich dieses Foto gemacht habe. Schnell in Hektik, zwischen dem Essen und noch schnell Wäsche waschen, die Arbeit in der Goldschmiede noch nichtmal ansatzweise geschafft, meinen Kindern noch nicht gesagt das ich sie über alles liebe.
Wiedermal nicht genug.
Irgendwo zwischen dem Leben das ich wollte und dem Leben das ich hatte.
Ich war dauermüde, dauergestresst und dauerunfair.

Heute zwei Jahre später ist das Leben so anders, dass es eine lange Weile dauerte bis ich verstand, dass es mein Eigenes ist.
Ich habe ein Leben verloren um meines zu retten... und ich bin nun hier am Meer.

Diese Tage vor Weihnachten sind so ruhig und so voller Zauber.
Die Insel ist fast menschenleer. Die Goldschmiede ist geschlossen und ich tue Dinge die mich heilen.
Ich gehe spazieren, lang und oft und immer am Meer. Das Meer das sich dieser Tage in das schönste grau gekleidet hat das man sich als Meer aussuchen kann.  Die Geräusche sind magisch.
Es wird mir nicht langweilig das jeden Tag aufs Neue zu bewundern.

Ich trinke Tee, gern bei Kerzenschein und ich tue Dinge die man so macht im Advent.
Ich backe Plätzchen und dekoriere die neue Welt als käme der Advent das erste Mal über mich.

Seit elf Jahren das erst mal das ich in dieser Zeit keine Ausstellung mache, in der ich nicht nachts in der Werkstatt bin und für Menschen Geschenke herstelle während ich selber nicht ansatzweise etwas mit Zeit und Geduld ausgesucht habe.

Doch die Rettung meiner Selbst hat auch einen Preis. Ich vermisse. Das Vermissen war seit jeher ein stiller Begleiter meines Lebens.  Ich habe niemals Dinge vermisst, oft Menschen meistens Gefühle und so vermisse ich auch heute.
Meine Kinder in einem Maß in dem es keine Worte gibt, manchmal den Duft von Wald.

Der Herzschlag des Vermissen in mir, passt an keinem Ort besser als an diesem.

Ich werde übermorgen einen Weihnachtsbaum kaufen. Ein Baum macht zwar noch keinen Wald. Doch ich habe gelernt das es nicht nötig ist das perfekte Gefühl zu erzeugen. Der Duft von Tanne ist ein in meinem Herz ein Wald.  Das allein macht es gut.
Meine Kinder kommen in den nächsten Tagen nach Langeoog das ist das Beste.
Und so geht dieses Jahr zu Ende mit einem guten Gefühl und ich hoffe das ich mich in zwei Jahren gern an diese Momente erinnere auch wenn ich keine Fotos mache und auch wenn Facebook nicht erfährt wie still und glücklich ich in diesen Tagen bin.

Macht es euch schön und bleibt bei euch. Das ist das größte Geschenk denke ich.

Bis bald  Alles Liebe Martina











Montag, 16. Juli 2018

Leben in der Sanduhr

Es ist Sommer geworden auf Langeoog. Ein wunderschöner sonniger warmer Sommer der unserer Natur in seiner Schönheit und Regenlosigkeit einiges abverlangt. 
Ich genieße die Wege, mit dem Rock auf dem Rad zur Arbeit oder zum Strand. Zweiteres viel zu selten, doch hier ist ja überall irgendwie Sand und Sommer und der Geschmack von Meer.
Die Tage gleichen sich in ihrer Fülle an Arbeit, an Gästen, an Sonne und sonnenbrauner Haut.

Jeden Morgen nachdem ich die Ladentür aufgeschlossen habe, fege ich den Sand vor die Tür. 
Der Sand der hier so allgegenwärtig ist. Genau der Sand, den viele liebe Menschen mit Goldschmiedekursen und Anfragen, Aufträgen und Wünschen in meinem Laden getragen haben. 
Es ist ein ewiges Spiel. Der Sand vom Strand landet in meinem Laden... und ich fege ihn vor die Tür. Der Wind trägt ihn zurück zum Strand. Das Prinzip einer Sanduhr, einer ziemlich großen Sanduhr. 

Der Lauf der Zeit ist hier auf Langeoog  oftmals viel greifbarer und offensichtlicher als es mir je an einem anderen Ort aufgefallen wäre. Er wird vom Takt der Natur bestimmt.

Zeit ist hier nicht die, die nicht reicht oder diejenige die immer zu kurz ist. Zeit ist hier die Anzahl der Urlaubstage die Menschen hier bei uns verbringen. 

Ich frage mich oft, was bleibt von uns wenn unsere Zeit hier um ist? Ist es ein Fußabdruck am Strand oder der Ehering der ein halbes Leben mit einem bestritten hat?  Ein Foto von einem Sommerurlaub? 

Sind es Dinge oder sind es feine Fäden der Liebe, die am Ende des Tages eine Erinnerung hinterlassen. 
Wir alle möchten, daß etwas Positives von uns bleibt.  Etwas einzigartiges und ein Gefühl, ein Gedanke, angefüllt ist mit Liebe und Gutem. 

Wenn man sich die Verschmutzung der Meere, die Hinterlassenschaften von Atomkraftwerken und Tagebau ansieht, kann man daran zweifeln, dass wir Menschen etwas Gutes hinterlassen. 
Doch dann steht eine Frau bei mir im Laden, legt mir still und leise den Ehering ihres Mannes auf den Tisch.  Sie möchte ihn Tragen um einen Teil ihres Mannes sichtbar bei sich zu haben.

Es rührt mich zutiefst. Dieses Gefühl jemanden bei sich haben zu wollen. Weil er einem Gut tut weil man voller Liebe an ihn denkt, weil er einem durch den Tag hilft… weil man liebt.

… und so fängt es im Kleinen an, dass wir winzige Dinge, nicht größer wie Sandkörner bewegen, zu guten Taten werden lassen. Ein Lächeln, eine Umarmung und es zu etwas großem wächst. 

Mein Sand im Laden wird eine Düne,  diese schützt die Insel. Was bleibt bestimmen wir selbst. 

Wir selbst tragen den Sand in uns den wir verteilen und zu Dünen werden lassen. Ob gut oder schlecht bestimmen wir selbst. 

Ich wünsche euch eine wundervolle Zeit, feinen Sand den ihr unter euren Füssen spürt und eine Hand die eure hält. 

Alles Liebe Martina 










Dienstag, 27. Februar 2018

Eine neue Bemessungsgrundlage

Ich sitze gerade am Flughafen in Stuttgart und warte auf meinem Flug nach Bremen. Bald zuhause. bald in meinem Zuhause am Meer. Ich habe Heimweh. Endlich habe ich einen Namen für dieses Gefühl. Heimweh gibts nur wenn du auch eine Heimat hast.
Wow fühlt sich das also so an.     Heimat... macht warm und satt und wohlig.

Die letzten Tage waren so emotional das ich diese Heimat tatsächlich ersehne.
Ich habe den Laden in Ludwigsburg leergeräumt und an meine Vermieterin zurückgegeben. Mein Nachmieter hat alles neu ausgemessen.
Überhaupt wird mir bewusst, wie wir alles in Maße quetschen. Ich meine Habseligkeiten in Kisten und die Wiederrum in einen Laster.
Alles schön auf den Kubikmeter vermessen das es auch passt.
Wir messen gern und viel und ständig, Kleidergröße, Schuh und Ringgröße.  Maße helfen uns durch diese Welt, die so oft in kein Maßstab zu passen scheint.

Wir bemessen Menschen an guten Taten und Erfolgen. Eine Lebensspanne wird in Tagen und Jahren bemessen. Am Ende ist jedes Maß doch zu klein, um das Wunder des Lebens zu fassen und die Verwicklungen in Zoll und Meter zu klären.
Auf Heller und Pfennig rechnen wir Ansprüche und Erträge, doch bleibt am Ende meist das Gefühl, dass wir unfair behandelt wurden oder es nicht mit rechten Dingen zu ging. Auch Recht und Gesetz sind Maße für Anstand und Benehmen, für Verhalten und Fehlverhalten.


Doch geht es im Herzen und im Eigentlichen sowieso um das, was wir nicht messen können. Um den Raum dazwischen, den Zwischenraum- das Zwischenmenschliche.
Es ist nicht in einer Maßeinheit greifbar. Dabei geht es um das sich einlassen, sich trauen, glauben und mutig sein.

Im zwischenmenschlichen Raum liegt es an uns, was wir daraus machen. Jeder für sich kann entscheiden, mit was er diesen misst oder sogar selber füllt.
Die Befüllmenge erstreckt sich von  Hass, Liebe, Vertrauen, von Wärme bis Angst... die Bandbreite ist geradezu maßlos. Doch ich glaube, das genau nennt man Leben.
Ich mache mich nun auf nach Langeoog, ein paar Quadratkilometer Insel, Heimat. Dafür bin ich über alle Maßen dankbar.
Ich war wirklich gern in Ludwigsburg und auch diese Tage, diese zehn Jahre werden für immer in meinem Herzen bleiben.
Ludwigsburg meine bunte, grüne, wunderschöne Stadt. Ich danke dir das du mir gezeigt hast das Butterbrezeln auch an der knusprigen Stelle schmecken und das die Kehrwoche nicht immer (aber meist) großer Mist ist.
Ich danke dir für Kinoabende und Marktbesuche, für eine Million Milchkaffes und dafür das ich die Räume zwischen Menschen mit Liebe füllen durfte.
Nun aber ist es Zeit für mich neue Zwischenräume zu füllen, neue Fußspuren zu hinterlassen die dann irgendwann zu bemessen sind.

Ich wünsche euch, dass ihr eure Lebensräume mit der Ruhe und Ausdauer und Kraft bemesst. Die Räume zwischen Menschen mit Liebe statt mit Hass füllt. Das ihr euch nicht an dem messt, was für andere eine lebenswertes Maß der Dinge ist, sondern das ihr wagt eigene Wege zu gehen. Setzt neue Maßstäbe - eure Maßstäbe.

Ich werde euch schreiben in dem Wissen das wir uns wiedersehen.
Alles Liebe Martina